Die grosse Angst vor Tempo 30

SP-Forumsartikel für die Ausgabe der Andelfinger Zeitung vom 17.10.25

Vor dem Ortseingang von Benken steht, wenn man von Uhwiesen her einfährt, eine 60er Tafel. Keine 100 m weiter abwärts folgt die Tafel für Tempo 50. Diese hätte man sich sparen können, wäre auf der ersten Tafel bereits Tempo 50 signalisiert. Noch extremer ist die Situation bei der Einfahrt Trüllikon von Westen her: zuerst Tempo 50, nach nur 30 m folgt Tempo 40. Es scheint den zuständigen Beamten des Kantons extrem wichtig zu sein, dass man auf diesen paar Metern noch 10 km/h schneller fahren darf.

Noch deutlicher aber wird dieses Beharren auf möglichst hohem Tempo beim Projekt der Ortseinfahrt Ossingen, über die in der Andelfinger-Zeitung Mitte September berichtet wurde. Der Kanton plant dort eine Mittelinsel zur Verkehrsberuhigung, wobei immer noch Tempo 50 gelten würde. Weil die Strasse recht eng ist, müssen auf beiden Seiten die schönen Vorgärten verkleinert werden, die das schützenswerte Ortsbild prägen. Bevölkerung und Gemeinderat schlagen eine einfache Lösung vor: Die bestehende Tempo-30-Zone sollte in diesen Bereich vorgezogen werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die angestrebte Verkehrsberuhigung tritt ein, die Sicherheit wird verbessert, die Lärmbelastung sinkt, und nicht zuletzt: Die Kosten dürften einen Bruchteil der Kantonslösung betragen. Aber der Kanton macht da bis jetzt nicht mit.

Ich frage mich: Woher kommt es, dass autofreundliche Kreise Tempo 30 fürchten wie der Teufel das Weihwasser? Verkehrsminister Rösti hat sogar eine Verordnung ausgeheckt, die es den Städten und Gemeinden stark erschweren soll, Tempo 30 einzuführen. Weil eine Verordnung nicht dem Referendum unterstellt ist, soll das Stimmvolk nichts dazu zu sagen haben. Wo bleiben da die demokratischen Volksrechte, die die SVP doch immer so hochhält?

Dabei haben Pilotversuche, z. B. in Aaraus stark befahrener Bahnhofstrasse, gezeigt, welches die Vorteile von Tempo 30 sind: Stark verbesserte Verkehrssicherheit, sinkender Lärmpegel, und – in krassem Gegensatz zu den Befürchtungen der Gegner – eine Verbesserung des Verkehrsflusses.

Warum also dieser Abwehrreflex gegen Tempo 30? Wenn überhaupt Zeitverluste eintreten, dürften sie sich gerade auf städtischen Strecken im Sekundenbereich bewegen. Auch wird beklagt, dass der öffentliche Verkehr behindert werden könnte. Werden sich die Leute, die dieses Argument vorbringen, bei den nächsten Vorlagen auch so vehement für den ÖV einsetzen?

Ich jedenfalls hoffe, dass der Ausbau von Tempo 30 nicht behindert wird. Denn in einem Punkt sind wir uns hoffentlich alle einig: Jedes Unfallopfer ist eines zu viel. Tempo 30 hilft, sie zu vermeiden.

Jürg Keller, SP Weinland