SP-Forumsartikel für die Ausgabe der Andelfinger Zeitung vom 17.04.26
Durch die eingereichte «Förderklasseninitiative» erhielt die Regierung den Auftrag, eine neue Gesetzesvorlage auszuarbeiten. Der Begriff «Förderklasse» klingt auf den ersten Blick attraktiv: Kinder mit besonderem Förderbedarf sollen gezielt unterstützt werden. Wer könnte dagegen sein? Doch die Initiative und die Umsetzungsvorlage, wie sie die bürgerliche Mehrheit der Kommission für Bildung und Kultur nun verabschiedet hat, führen in die falsche Richtung – und gefährden ein zentrales Prinzip unserer Volksschule: die integrative Bildung.
Die integrative Schule ist kein gescheitertes Experiment, sondern ein bewusst gewählter und grundsätzlich erfolgreicher Weg. Sie ermöglicht Kindern mit unterschiedlichen Voraussetzungen, gemeinsam zu lernen und voneinander zu profitieren. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die grosse Mehrheit der Eltern steht hinter diesem Modell, und nur ein kleiner Teil der Schülerinnen und Schüler ist auf verstärkte Unterstützung angewiesen. Von einem Systemversagen kann also keine Rede sein. Unsere Volksschule ist nach wie vor eine sehr gute Schule.
Trotzdem soll nun ein Modell eingeführt werden, das wieder stärker auf Separation setzt. Kinder sollen für mindestens ein Semester aus ihren Klassen herausgelöst und in Förderklassen unterrichtet werden. Was als Entlastung verkauft wird, ist in Wahrheit ein Rückschritt. Denn Separation löst die Probleme nicht – sie verlagert sie. Die Reintegration wird erschwert, der Koordinationsaufwand für Lehrpersonen steigt, und wertvolle heilpädagogische Ressourcen werden aus den Klassen abgezogen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
Gerade diese Ressourcenfrage ist zentral: Schon heute fehlen vielerorts ausreichend ausgebildete Fachpersonen. Statt sie in separaten Strukturen zu bündeln, sollten wir sie gezielt dort einsetzen, wo sie Wirkung entfalten – im Klassenzimmer. Integration gelingt nur, wenn Lehrpersonen unterstützt werden. Um situativ zu entlasten, können erweiterte Lernräume (Schulinseln) genutzt werden. Hier werden Kinder für kurze Zeit in kleinen Settings unterrichtet – mit guten Erfahrungen vieler Schulen.
Hinzu kommt ein pädagogisches Problem: Die geplanten Förderklassen sollen Kinder mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen aufnehmen – von Lernschwierigkeiten bis zu Verhaltensauffälligkeiten. Das ist kein durchdachtes Konzept, sondern ein Kompromiss zulasten der Betroffenen. Unterschiedliche Bedürfnisse verlangen differenzierte Lösungen, nicht eine Sammelstruktur.
Auch die viel beschworene «Flexibilität» für Gemeinden überzeugt nicht. Gerade kleine und ländliche Gemeinden werden solche Förderklassen kaum wie vorgesehen umsetzen können. Die Vorlage zeigt einmal mehr, dass im Kanton häufig städtische Politik gemacht wird.
Die SP setzt deshalb auf einen anderen Weg: die Stärkung der integrativen Schule, gezielte Unterstützung innerhalb der Regelklassen und den Erhalt bewährter Förderangebote. Förderklassen mögen im Einzelfall sinnvoll sein – als flächendeckendes Instrument sind sie der falsche Ansatz.
Wer eine Schule mit Zukunft will, muss Integration weiterentwickeln – nicht zurückdrehen.
Sibylle Jüttner, Kantonsrätin SP Andelfingen

